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Lübben, 30. Juni 2016, 02:45 Uhr  von Andreas Staindl

Paul Burisch will Verwaltungsinformatik studieren / Seine Botschaft an andere: "Es lohnt sich zu kämpfen"

Paul Burisch

Paul Burisch hält sein Abiturzeugnis in den Händen. Der 18-Jährige hat trotz Schwerhörigkeit sein Abitur am Paul-Gerhardt-Gymnasium in Lübben abgelegt. Foto: Andreas Staindl/asd1

Dass Paul Burisch das Abitur ablegt, und das auch noch mit guten Leistungen, war nicht unbedingt zu erwarten. Als er vier Jahre alt war, wurde seine Schwerhörigkeit entdeckt. Seitdem trägt er ein Hörgerät. Der späte Zeitpunkt führte zu Sprachdefiziten. "Es fiel mir nicht immer leicht, mich auszudrücken."
Paul Burisch besuchte die heutige Liuba-Grundschule in Lübben. Dort erhielt er spezielle Sprachförderung, übte ein Lehrer separat mit ihm. Das Problem: Wegen des späten Entdeckens seiner Schwerhörigkeit hatte der 18-Jährige Schwierigkeiten, nicht nur Worte zu hören, sondern auch zu verstehen. "Etwas hören und sofort darauf antworten, ist nicht einfach." Paul Burisch braucht länger als Andere, um den Sinn zu verstehen. Er verarbeitet Gehörtes anders, als Menschen ohne seine Behinderung. Seine Eltern wollten ihn auf eine Spezialschule schicken, doch ihr Sohn lehnte ab. "Ich wollte in meinem vertrauten Umfeld und bei meinen Freunden bleiben."
Seine Hartnäckigkeit wurde belohnt. Auch, weil sich das Paul-Gerhardt-Gymnasium auf ihn einstellte. Die Lehrer haben langsamer und deutlicher gesprochen, zudem über ein spezielles Gerät mit Paul Burisch kommuniziert. Das Gesagte ging direkt ins Ohr. Umgebungsgeräusche wurden ausgeblendet. Um auch Gespräche zwischen Lehrern und den anderen Schülern zu verfolgen, hat der 18-Jährige Strategien entwickelt. "Ich habe gelernt, von den Lippen anderer Menschen zu lesen. Das ist quasi die doppelte Absicherung zu dem, was ich höre." Schwierig wird es, wenn mehrere Leute gleichzeitig reden, oder Menschen ihn von hinten ansprechen. "Das führt dann manchmal zu kuriosen Szenen." Laute Orte wie etwa eine Diskothek meidet er. Der Lärm dort würde durch das Hörgerät verstärkt. "Ich vermisse nichts. Das, was mir Spaß macht, kann ich machen." Paul Burisch hat im Tanzclub getanzt, bei der TSG Lübben Tischtennis gespielt. Ein Problem war das nicht.
Auch seine Mitschüler haben ihn mit seiner Behinderung akzeptiert, ihm geholfen. "Wenn ich etwas im Unterricht nicht gleich verstanden hatte, haben sie es mir später noch mal erklärt. Die Zusammenarbeit mit ihnen, den Lehrern und Eltern war super." Paul Burisch musste zu Hause mehr üben als andere Schüler seines Jahrgangs. "um Lücken zu schließen". Entgegengekommen ist ihm die Förderung der Mint-Fächer am Gymnasium. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (Mint) werden dort besonders gefördert. "Ich kann besser mit Zahlen als mit Worten umgehen." Biologie, Mathematik und Physik haben ihm am meisten Spaß gemacht. Am Gymnasium wurde sein Interesse für Informatik geweckt. Der 18-Jährige studiert ab 1. August Verwaltungsinformatik – ein duales Studium. Er will Diplom Verwaltungswirt bei der Bundesfinanzverwaltung werden. Warum er sich bei einer Behörde beworben hat? "Weil ich mir dort größere Chancen als in der freien Wirtschaft ausgerechnet habe."
Paul Burisch ist stolz darauf, es so weit gebracht zu haben. "Das Abitur eröffnet mir viele Möglichkeiten. Ich bin sehr froh, diesen Weg gegangen zu sein - trotz aller Schwierigkeiten." Seine Botschaft an andere behinderte Menschen: "Wir sind nicht schlechter, nur weil wir eine Behinderung haben. Es lohnt sich, zu kämpfen. Man kann auch mit einer Behinderung etwas aus seinem Leben machen."

 

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